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GESCHICHTE der LANDSMANNSCHAFT


Johann Kampen

50 Jahre Landsmannschaft der Deutschen aus Russland

Im Jahr 2000 begehen die nach Deutschland zur├╝ckgekehrten Russlanddeutschen den 50. Jahrestag des Bestehens ihrer Landsmannschaft. Die Schwerpunkte der Gr├╝ndung k├Ânnen sie entweder auf den 22. April oder den 15. Oktober setzen.

Im April 1950 beschloss ein H├Ąuflein der in der amerikanischen, britischen und franz├Âsischen Besatzungszone ans├Ąssig gewordenen Deutschen aus Russland in Stuttgart die Gr├╝ndung einer eigenen Organisation, und im Oktober wurde dieser Beschluss auf der ersten Bundesdelegiertenversammlung in Kassel in die Tat umgesetzt.

Obwohl man als "Taufnamen" vorsichtshalber die sehr unpolitische Bezeichnung "Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler" w├Ąhlte, waren sich alle Initiatoren darin einige, dass es sich um die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland handelte. Man schloss sich konsequenterweise auch schon im Juli 1950 den "Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften" an.

In der Praxis zeigte sich aber, dass dieser Verein doch eher eine Arbeitsgemeinschaft war, was sich auch in der ersten Satzung niederschlug. Als wichtigste Aufgaben wurden definiert:
1. Die Pflege der heimatlichen Kultur und der Verbundenheit der Landsleute untereinander.
2. Die Geltendmachung des Rechts auf Heimat, Menschenw├╝rde und Gerechtigkeit sowie Eingliederung in den deutschen Volksk├Ârper.
3. Wahrnehmung der sozialen und wirtschaftlichen Belange (Renten, Pensionen, Berufsausbildung, Jugendfragen, Umsiedlung).
4. Mitwirkung in Fragen der Schadensfeststellung und des Lastenausgleichs.
5. Dokumentenbeschaffung.
6. Sachgem├Ą├če Lenkung der Auswanderung.
7. Suchdienst.
8. Wissenschaftliche Forschungsaufgaben.
Dieser ersten Aufgabenstellung sind die Nachfolger der "Gr├╝nderv├Ąter" der Landsmannschaft bis zur Jahrhundertwende treu geblieben, auch wenn in den 90er Jahren der Ruf einer neuen Generation russlanddeutscher Aussiedler nach mehr politischen und wirtschaftlichen Aktivit├Ąten lauter geworden ist.

Vor der Landsmannschaft

Die eigentliche organisierte Geschichte der Russlanddeutschen in Deutschland begann schon viel fr├╝her, und zwar unmittelbar nach der Oktoberrevolution von 1917. Sowohl nach dem Ersten als auch nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Teil der Deutschen in der Sowjetunion bestrebt, m├Âglichst weit vom Bolschewismus Zuflucht zu suchen. Vielen war eine Heimat in Deutschland nicht sicher genug; sie suchten ihr Heil in der Neuen Welt. Hier wurden sie von Landsleuten und Glaubensgenossen empfangen, die sich bereits fr├╝her von Europa abgesetzt hatten. Wolgadeutsche wurden von ehemaligen Wolgadeutschen in Argentinien, Schwarzmeerdeutsche von ehemaligen Schwarzmeerdeutschen in den USA und Mennoniten von Mennoniten in Kanada, Brasilien und Paraguay eingewiesen. Im Laufe der Jahre gr├╝ndeten sie eigene Vereine und Assoziationen, die sich haupts├Ąchlich geschichtlichen, genealogischen, kulturellen und religi├Âsen Fragen widmeten.
Im Vorkriegs-Deutschland selbst gab es zwischen den beiden Weltkriegen zu verschiedenen Zeitpunkten zehn russlanddeutsche Organisationen. (Meir Buchsweiler: "Volksdeutsche in der Ukraine am Vorabend und Beginn des Zweiten Weltkriegs", Seite 54ff.) Sie wandten sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg besonders den sozialen Problemen ihrer Landsleute zu. Als negativer Faktor muss eine Rivalit├Ąt der Verb├Ąnde selbst ├╝ber die Zeit der Gleichschaltung durch den Nationalsozialismus hinaus registriert werden.
Da gab es den Ausschuss der deutschen Gruppen Altrusslands, den Verein der Wolgadeutschen, Vereine der Deutschen aus dem Schwarzmeergebiet, dem Kaukasus, die Mennonitische Fl├╝chtlingsf├╝rsorge u.a.m.
1933 gab es auch schon zwei Dachorganisationen der Deutschen aus Russland in Deutschland. Das "Zentralkomitee der Deutschen aus Russland" wurde vom Ausw├Ąrtigen Amt "betreut", die "Arbeitsgemeinschaft der Deutschen aus Russland und Polen" vom Innenministerium. Diese Kompetenzteilung konnte die Landsmannschaft auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die allerletzte Zeit versp├╝ren. Die st├Ąrkere Neigung der Spitzen der Landsmannschaft zum Innenministerium hat sich sogar bis in die Regierungszeit der Rot-Gr├╝nen Koalition ab 1998 fortgesetzt, trotz eines neuen Faktors in Form des Kulturbeauftragten der Bundesregierung.
Hauptaufgabe der humanit├Ąren Aktionen dieser Organisationen vor dem Krieg war die Hilfe f├╝r die ausgereisten und verbliebenen Landsleute in der Sowjetunion. Das war besonders wichtig w├Ąhrend der Hungerjahre 1921/22 und 1933/34 und zur Zeit der Ausreisebem├╝hungen vieler Deutscher in der Sowjetunion mit dem Beginn der Kollektivierung 1929.
Hilfssendungen aus Deutschland in die Sowjetunion wurden in den 30er Jahren immer seltener, da die Empf├Ąnger zunehmend mit Schikanen zu rechnen hatten. Bemerkenswert ist, dass nach dem Tod des Reichspr├Ąsidenten Hindenburg am 2. August 1934 von der UdSSR die Annahme von Spenden und Paketen der Organisation "Br├╝der in Not" verboten wurde. Private Sendungen blieben noch eine Weile erhalten, brachten den Empf├Ąngern aber wenig Gl├╝ck. W├Ąhrend der Terrorjahre 1937/38 wurden solche Sendungen nicht selten als belastendes Material von den sowjetischen Organen aus den Schubladen geholt. Briefverkehr mit Verwandten im Ausland wurde nur zu gerne dem Paragraphen 58 Punkt 6 ("Spionage") des Strafgesetzbuches der Sowjetunion zugeordnet.
Waren die Deutschen in der Sowjetunion von Deutschland und ihren ausgereisten Angeh├Ârigen nahezu vollst├Ąndig isoliert, so erfolgte im Zweiten Weltkrieg eine totale Zweiteilung aller "Sowjetdeutschen".
Als historischer Stichtag der Trennung der Russlanddeutschen "f├╝r ewig" ist der 28. August 1941 anzusehen.
An diesem Tag erlie├č der Oberste Sowjet der UdSSR den Ukas "├ťber die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben". Das war eine Verkleinerung und Verniedlichung der Aktion, die ihresgleichen in der Weltgeschichte sucht. Verkleinerung, weil es nicht nur um etwa 450.000 Deutsche in den Wolga-Rayons ging, sondern um alle Russlanddeutschen. Das waren nach der Volksz├Ąhlung aus dem Jahr 1939 1,6 Millionen. Und es war wei├č Gott keine "Umsiedlung", sondern eine regelrechte Deportation einer ganzen Volksgruppe, eines ganzen Volkes, wie manche ehemalige "Sowjetdeutsche" auch heute noch zu sagen pflegen.
Die Trennungslinie am 28. August 1941 war der Dnjepr. Russlanddeutsche, die sich auf der linken Seite des nach Wolga und Donau gr├Â├čten Flusses Europas befanden, wurden durch die von langer Hand vorbereitete Aktion voll erfasst und nach Sibirien deportiert. Etwa ein F├╝nftel der Deutschen in der Sowjetunion blieb vorerst von der Deportation verschont, da diese Menschen in den ersten Kriegsmonaten in den Machtbereich der schnell vorr├╝ckenden deutschen Truppen gerieten. Ihr "normales" Schicksal war, dass sie zun├Ąchst etwa zwei verh├Ąltnism├Ą├čig gute Kriegsjahre in ihren Heimatd├Ârfern am Schwarzen Meer, am Dnjepr oder in Wolhynien erleben durften, 1943/44 aber keine Alternative zur Evakuierung vor der herannahenden Front in das westliche Polen ("Warthegau") hatten und schlie├člich 1945 von den Sowjets ├Ąhnlich wie ihre Landsleute vier Jahre zuvor ebenfalls nach Sibirien oder in den europ├Ąischen Norden Russlands "umgesiedelt" wurden. Diese "Umsiedlung" wurde in der Sowjetunion "Repatriierung" und in Deutschland pr├Ąziser "Verschleppung" genannt.
Von dieser Verschleppung waren mindestens 250.000 von 350.000 Deutschen aus Russland betroffen. In Deutschland d├╝rften somit zusammen mit den schon vor dem Zweiten Weltkrieg aus der UdSSR emigrierten Deutschen (40.000 bis 50.000) nach Beendigung der sowjetischen R├╝ckf├╝hraktionen also an die 150000 Russlanddeutsche gelebt haben. Dr. Karl Stumpp, der bekannteste Publizist der Deutschen aus Russland, nennt aber f├╝r das Jahr 1955 nur eine Zahl von 52.000 in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Russlanddeutschen.
Diese Differenz hat mehrere Gr├╝nde. Die wichtigsten sind:
1. Seit 1950 waren an die 40.000 Russlanddeutsche nach ├ťbersee ausgewandert.
2. Die "alten" Deutschen aus Russland, d.h. die Fl├╝chtlinge nach der Oktoberrevolution und die Emigranten der 20er Jahre, waren von Dr. Stumpps Statistik nicht ber├╝cksichtigt worden; sie waren ja auch schon l├Ąngst Bundesb├╝rger geworden.
3. Nicht wenigen Russlanddeutschen war es gelungen, ihre wahre Herkunft zu verschleiern und dadurch der Auslieferung an sowjetische Beh├Ârden zu entgehen. Das galt insbesondere f├╝r ehemalige deutsche Sowjetb├╝rger, die in Orten mit deutschen Namen wie Kandel, Karlsruhe, Mannheim, Neuendorf, Rosental usw. geboren waren.
4. Die wenigen in der Ex-DDR verbliebenen Russlanddeutschen waren von der Statistik ebenfalls nicht erfasst worden.

Die Gr├╝nderjahre 1950-1955

Der Stamm der Gr├╝nder der Landsmannschaft rekrutierte sich fast ausschlie├člich aus Vertretern der Gruppe 2.
Das waren meistens M├Ąnner, die um die Jahrhundertwende geboren wurden und als junge Menschen den Umsturz in Russland zwar noch miterlebt hatten, die weitere Entwicklung in der Sowjetunion aber nur aus der Distanz mit vielleicht zwei Jahren Aufenthalt in der N├Ąhe ihrer ehemaligen Heimat zwischen 1941 und 1944 verfolgen konnten. Die neuere deutsche Geschichte hatten sie dagegen so wie alle anderen Deutschen miterlebt. Auch ihr Verh├Ąltnis zum Nationalsozialismus unterschied sich kaum von der Einstellung der Mehrheit des deutschen Volkes zu Hitler w├Ąhrend dessen ersten zehn Regierungsjahren. Nach der Entt├Ąuschung durch das Kriegsgeschehen widmeten sie sich ganz den Hilfen f├╝r Landsleute, die nach Deutschland gefl├╝chtet waren und hier mehr schlecht als recht lebten. Dabei st├╝tzten sie sich vor allem auf kirchliche Organisationen.
Den "Stamm" der Landsmannschaft aber bildeten jene Fl├╝chtlinge und Evakuierte der Gruppe 3, die nach 1945 alle H├Ąnde voll mit beruflichen Integrationsproblemen zu tun hatten, gro├čen Schwierigkeiten bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit f├╝r die Zukunft der Volksgruppe ausgesetzt waren und au├čerdem dem "gro├čen Bruder" im Osten nach wie vor nicht ├╝ber den Weg trauten. Ausnahmen waren da einige Wenige, die in Kirchen oder wohlt├Ątigen Verb├Ąnden Arbeit gefunden hatten.
Als Zentrum der neuen Bestrebungen, eine Organisation der Deutschen aus Russland f├╝r die Deutschen aus Russland ins Leben zu rufen, muss Stuttgart angesehen werden, wo die Notwendigkeit der Gr├╝ndung einer Landsmannschaft der Deutschen aus Russland am schnellsten gereift war. In Stuttgart und in seiner Umgebung lebten besonders viele Auslandsdeutsche, die man seit den Zeiten des "Tausendj├Ąhrigen Reichs" Volksdeutsche nannte. Das gefiel nicht allen Deutschen aus Russland, war aber auch nicht schlechter als Deutschst├Ąmmige, Russlanddeutsche, Sowjetdeutsche, Deutschrussen u.├Ą. Die eher positiv besetzten Namen wie Schwarzmeerdeutsche, Wolgadeutsche, Kaukasusdeutsche, Krimdeutsche oder Wolhyniendeutsche passten nicht mehr in die Geographie, da Krieg, Verbannung und Flucht diese regionalen Gruppen zusammengeschwei├čt hatten.
Nach dem Krieg waren es neben dem Deutschen Roten Kreuz vor allem kirchliche Organisationen, die sich um die Belange der in die Westzonen gefl├╝chteten "Volksdeutschen" k├╝mmerten. Die Initiative hatte das 1947 gegr├╝ndete Hilfskomitee der evangelisch-lutherischen Ostumsiedler ├╝bernommen. Seinem ersten Vorsitzenden Friedrich Rink folgten 1948 Pastor Heinrich R├Âmmich, 1961 Pastor Alfred K├Ąrcher und 1969 die unvergessene Pastorin Irmgard Stoldt (1912-1998).
Der zun├Ąchst noch ungew├Ąhlte Sprecher aller Deutschen aus Russland bzw. aus der UdSSR war der evangelische Pfarrer Heinrich Roemmich (1888-1980).
Bald nach der Gr├╝ndung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 setzte sich Pfarrer Roemmich mit den f├╝hrenden russlanddeutschen M├Ąnnern aus Kirche und Institutionen in Verbindung. Das waren Prof. Benjamin Unruh (Mennoniten), Clemens Kiefel (Katholiken), K. G. Wesel (Freikirchen) sowie Dr. Gottlieb Leibbrandt, Dr. Wilfried Schlau, R. Metzler, Andreas Mergenthaler, Julian Merling und Oscar Appel, von denen die meisten ├╝ber viele Jahre hinweg eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Landsmannschaft oder dar├╝ber hinaus spielten.
Nachdem am 22. April 1950 jeder der anwesenden Vertreter einen kurzen Bericht ├╝ber seine bisherige Arbeit gegeben hatte, wurde von dieser Gruppe die Gr├╝ndung der "Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler" beschlossen, eine im Wesentlichen von Roemmich und Mergenthaler vorbereitete Satzung besprochen und ein provisorischer Vorstand bis zur Delegiertenversammlung gew├Ąhlt. 1. Vorsitzender wurde Pfarrer Roemmich, sein Stellvertreter Dr. Leibbrandt; Prof. Unruh und Prediger Wessel wurden in den Beirat bestellt.
Auf der folgenden Delegiertenversammlung am 15. Oktober 1950 zog sich Pfarrer Roemmich in sein Amt als Leiter des Hilfskomitees der evangelisch-lutherischen Ostumsiedler zur├╝ck. Zum 1. Vorsitzenden wurde Dr. Leibbrandt gew├Ąhlt, dem auch gleichzeitig der Posten des bezahlten Gesch├Ąftsf├╝hrers der Arbeitsgemeinschaft ├╝bertragen wurde.
Im wahrscheinlich ein paar Monate sp├Ąter verfassten Protokoll der Gr├╝ndungsversammlungen steht dazu:
"Im April 1950 wurde die Landsmannschaft bzw. Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler durch Beschluss gegr├╝ndet - ohne einen Pfennig Geld... Die endg├╝ltige Konstituierung geschah in Kassel im Oktober 1950 bei der Vertretertagung. In Kassel wurde bereits die Gr├╝ndung des Mitteilungsblattes beschlossen. Im Oktober erhielt jede Landsmannschaft von der Regierung 3000,- DM. Hiermit wurde in erster Linie auch unser Mitteilungsblatt Volk auf dem Weg finanziert. Bisher haben sich 750 Bezieher f├╝r das Mitteilungsblatt gemeldet Bei 1000 Beziehern w├╝rde sich das Blatt selbst tragen..."
Das muss zu Beginn des Jahres 1951 niedergeschrieben worden sein. Die Vorstellung, dass man mit 1000 Exemplaren eines Blattes von acht Seiten eine Zeitung auf Dauer finanzieren k├Ânnte, war nat├╝rlich utopisch. Der Bezugspreis f├╝r ein Jahresabonnement betrug ganze 6,- DM! Sp├Ąter stieg ein Abonnement auf 8,- DM (1954), 12,- DM (1962), 16,- DM (1963), 24,- DM (1972) und 36,- DM (1976). 1980 wurde das Abonnement von Volk auf dem Weg zu Gunsten einer kostenlosen Verteilung der Monatszeitschrift an Mitglieder der Landsmannschaft aufgehoben.
Die Mitgliedsbeitr├Ąge blieben zun├Ąchst bei 36,- DM, mussten aber 1985 auf 48,- DM und 1995 auf 54,- DM angehoben werden. Die Seitenzahl stieg ├Ąhnlich, was angesichts der Preisentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland als gro├čer Erfolg f├╝r Volk auf dem Weg gewertet werden darf.
In allerletzter Zeit ist verst├Ąrkt die Frage aufgetaucht, ob die Verkn├╝pfung der Mitgliedschaft in der Landsmannschaft mit einem Abonnement von Volk auf dem Weg ein besonders gelungener Schachzug war. Die Zahl der Bezieher von Volk auf dem Weg bzw. der Mitglieder der Landsmannschaft, die ├╝ber 45 Jahre kontinuierlich stieg (1952: 2.000, 1954: 3.000, 1972: 5.000, 1976: 7.000, 1985: 8.000, 1989: 12.000, 1992: 18.000, 1995: 32.000) ist seit 1996 im Sinken begriffen. Anfang 2000 waren es nach Entfernung aller "Karteileichen" noch 26.200 Mitglieder der Landsmannschaft, davon 1.200 im Ausland. Schuld sind in erster Linie zweisprachige und russische Konkurrenzbl├Ątter, die keine Skrupel haben, das zu ver├Âffentlichen, was in VadW als Verbandsorgan nicht opportun ist. Die so genannte "Familienmitgliedschaft" ist ein weiteres Handicap, das sich negativ auf die Mitgliederzahl der Landsmannschaft auswirkt. Welche Familie w├╝rde schon zwei oder mehr Exemplare Volk auf dem Weg bestellen, um entsprechend viele stimmberechtigte Vertreter in der Landsmannschaft zu haben?
W├Ąhrend der ersten Jahre der Landsmannschaft geh├Ârte die Ausreise zu den wichtigsten Tagesordnungspunkten zahlreicher Veranstaltungen, angefangen mit dem ersten Bundestreffen vom 12. Mai 1951 in Stuttgart-Feuerbach. Es handelte sich jedoch nicht um die Ausreise aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland, sondern um die Auswanderung nach ├ťbersee, die sogar den ersten Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft, Dr. Gottlieb Leibbrandt (1908-1989), erfasste.

1955 - neue Weichenstellung:

Im September 1955 wurde die Reise von Bundeskanzler Adenauer nach Moskau zum wichtigsten gesamtdeutschen und russlanddeutschen Thema. Es ging um die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen und um die Freilassung der letzten 10.000 deutschen M├Ąnner aus ├╝ber zehnj├Ąhriger Kriegsgefangenschaft. Dieser Akt wurde von allen Russlanddeutschen mit bebenden Herzen registriert. Ihre Hoffnungen gingen jedoch mit der Angst einher, die durch Forderungen des Sowjet-Chefs Chruschtschow gesch├╝rt worden war, der im Gegenzug "seine" 100.000 Sowjetb├╝rger zur├╝ckhaben wollte, die sich 1955 noch in Deutschland befanden. Und dazu geh├Ârten nach sowjetischer Auffassung auch jene ehemaligen Sowjetb├╝rger, die schon l├Ąngst einen deutschen Pass hatten. Und in den Westzonen tauchten auch wieder "Repatriierungskommandos" aus der Sowjetunion auf, die zwar niemanden mehr gewaltsam entf├╝hrten, aber doch dazu beitrugen, schw├Ącheren Gem├╝tern schlaflose N├Ąchte zu bereiten.
"Keine Angst", schrieb daher im Oktober 1955 Johannes Schleuning, seines Zeichens "Sprecher" und damit erster Mann der Landsmannschaft, in einem gro├čen Appell in Volk auf dem Weg. Obwohl die Landsmannschaft ├Ąhnliche Aufrufe bis 1957 wiederholte, beruhigte sich die russlanddeutsche Volksseele erst Jahre sp├Ąter.
Die Ergebnisse Adenauers in Moskau wurden an der "Basis" nicht so euphorisch, wie sp├Ąter behauptet wurde, eingesch├Ątzt. Die Beurteilung hing leider davon ab, wer gerade in Bonn regierte. So sagte zum Beispiel der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft zur Zeit der sozial-liberalen Koalition 1974, Joseph Schnurr:
"Die Wahrheit ├╝ber Adenauers Besuch ist, dass in dem Vertrag nichts ├╝ber Russlanddeutsche steht, aber anschlie├čend wurde ein Briefwechsel (zwischen Bonn und Moskau) gef├╝hrt, in dem die Russen zugestanden haben, die Frage der Russlanddeutschen wohlwollend zu pr├╝fen."
Tatsache ist, dass 1955 nicht mehr zu erwarten war. Im Jahr 2000 sollte man sich vielleicht daran erinnern, dass sogar Gorbatschow 1988 in der "Prawda" noch mit den Worten zitiert wurde: "Das sind unsere Deutschen."
Wichtigstes politisches Ereignis als Folge des Besuchs Adenauers in Moskau war f├╝r die Deutschen in der Sowjetunion die Aufhebung der Kommandantur. Die Landsmannschaft hatte im Vorfeld des Besuches dem deutschen Bundeskanzler eine Reihe von Listen mit Namen von H├Ąrtef├Ąllen auf dem Gebiet der Familienzusammenf├╝hrung ├╝berreicht, von denen auch viele positiv gel├Âst werden konnten.
Als einen weiteren Erfolg konnte die Landsmannschaft im Jahr 1955 den Beschluss des Deutschen Bundestages vom 22. Februar werten, durch den die w├Ąhrend des Krieges erfolgten Einb├╝rgerungen von Volksdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt wurden.
In beiden F├Ąllen hatte die Landsmannschaft mitgewirkt, ohne gro├č aufzufallen. Wie bei vielen anderen Problemen hatte sich die Spitze der Landsmannschaft f├╝r die "stille Diplomatie" statt gro├čer Demonstrationen und Aufm├Ąrsche entschieden.
Aus rein landsmannschaftlicher Sicht z├Ąhlt das dritte Bundestreffen der Deutschen aus Russland mit der unvergesslichen Kundgebung in der traditionsreichen Frankfurter Paulskirche am 29. Mai 1955 zu den wichtigsten Meilensteinen ihrer Geschichte. In einem ergreifenden Appell wandte sich die Landsmannschaft an die Bundesregierung und an die deutsche ├ľffentlichkeit, sich f├╝r die Zusammenf├╝hrung der durch den Krieg getrennten deutschen Familien einzusetzen:
"Es ist unsere heilige Pflicht, das harte Los unserer nach Sibirien Verschleppten auf Herz und Gewissen zu nehmen und im Namen der Menschlichkeit den Ruf in die Welt zu tragen: Gebt uns unsere Familienangeh├Ârigen, unsere Ehefrauen, unsere M├Ąnner, unsere Kinder frei; f├╝hrt die unschuldig Getrennten und nach menschlichem und g├Âttlichem Recht Zusammengeh├Ârenden wieder zusammen."
In Frankfurt wurde am gleichen Tag auch die endg├╝ltige Umbenennung des "Arbeitskreises der Ostumsiedler" in "Landsmannschaft der Deutschen aus Russland" vorgenommen.
Allerdings dauerte es noch eine geraume Zeit, bis Moskau die Bedeutung dieses humanit├Ąren Aktes erkannte. An den Ausreisezahlen merkte man zun├Ąchst so gut wie nichts. In den folgenden 15 Jahren erhielten lediglich 20.537 Deutsche in der Sowjetunion die Erlaubnis, im Zuge der Familienzusammenf├╝hrung in die Bundesrepublik Deutschland auszureisen.
Das war nicht mehr als ein Tropfen auf den hei├čen Stein. Erst 1972 kletterten die Aussiedlerzahlen aus der Sowjetunion erkennbar nach oben und erreichten in den Jahren 1976 und 1977 mit 9.704 bzw. 9.274 ihren ersten H├Âhepunkt. Heute wissen wir, dass das im Vergleich zu den Zahlen ab 1990, als in der Regel monatlich mehr als fr├╝her in einem Jahr kamen, verschwindend wenig war.

Nach dem Jahr der Menschenrechte 1965

Das Jahr 1965 war zum "Jahr der Menschenrechte" proklamiert worden. 20 Jahre nach Kriegsende sollte das Gewissen der Welt auf die Opfer von Flucht und Vertreibung aufmerksam gemacht werden.
Die landsmannschaftlichen Treffen dienten vor allem der Aufkl├Ąrung der breiten ├ľffentlichkeit ├╝ber das Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion, derer sich sogar die gro├če Presse annahm. Am 7. Januar 1965 ├╝bersetzte die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus der Londoner Times:
"Die Rehabilitierung der von der Wolga Vertriebenen k├Ânnte als eine freundliche Geste gegen├╝ber Deutschland und eine Demonstration angesehen werden, das Kriegsbeil zu begraben. Wenn man sie schon nicht nach Hause schicken kann, sollen sie wenigstens von dem Ruf, mit den Nazis sympathisiert zu haben, gereinigt werden..."
Wahrscheinlich wussten die Redaktionen beider Bl├Ątter noch nicht, dass am 29. August 1964 eine halbherzige Rehabilitation der Wolgadeutschen und eine Aufhebung des Deportationsdekrets vom 28. August 1941 erfolgt war. Die Russlanddeutschen wussten es ja selbst kaum. Sie registrierten nur voller Bitternis, dass es ihnen nach wie vor nicht gestattet war, in ihre Heimatorte zur├╝ckzukehren. Ein entsprechender neuer Ukas des Pr├Ąsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR erfolgte erst acht Jahre sp├Ąter, am 3. November 1972. Er wurde aber wohlweislich nicht ver├Âffentlicht, so dass nur ganz wenige von seinem Vorhandensein erfuhren.
Das Jahr 1968 ging in die Geschichte der Bundesrepublik als das Jahr der Studentenunruhen ein. An den Russlanddeutschen als eingefleischten Demonstrationsgegnern ging diese Entwicklung aber so gut wie spurlos vorbei, wenn man von einigen Vorst├Â├čen junger Akademiker absieht, die sich jedoch sehr bald organisch in die landsmannschaftliche Arbeit eingliederten und dort zu einem notwendigen "St├Ârfaktor" wurden. Angef├╝hrt wurden sie von Eduard von Sarnowski (1942-1989), der es als Oberstudiendirektor eigentlich nicht n├Âtig gehabt h├Ątte, sich in die "Niederungen" seiner Volksgruppe zu begeben und daf├╝r leichter Kritik als Dank zu ernten. "Edi", wie ihn seine Freunde liebevoll nannten, fand neben seinem Beruf zwischen 1966 und 1982 ├╝ber viele Jahre Zeit, um Volk auf dem Weg und zwei Heimatb├╝cher der Landsmannschaft zu redigieren. Dar├╝ber hinaus zeichnete er sich besonders durch seine ehrenamtliche Arbeit in der Kultur- und Jugendarbeit aus, wo er zahlreiche Initiativen ins Leben rief.
Die Tatsache, dass sich nach 1968 ein gewisser Generationswechsel in der Landsmannschaft anbahnte, l├Ąsst doch erkennen, dass die Zeit nicht ganz spurlos an unseren Altvorderen vorbeigegangen war. Der wichtigste Wechsel fand auf dem sozialen Sektor statt, der sich immer mehr zum wichtigsten Standbein der Landsmannschaft entwickelte und seine entscheidenden Impulse von einem Mann erhielt, der in den 70er und 80er Jahren weitgehend f├╝r die Erfolge und R├╝ckschl├Ąge der gr├Â├čten Organisation der Deutschen aus Russland verantwortlich zeichnete: Franz Usselmann. Als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft deckte er den Bereich ab, den vor ihm Pastor Roemmich und eine Reihe anderer Sozialexperten ausgef├╝llt hatten.
Das landsmannschaftliche "Zauberwort" aber hie├č damals "Wysow". Anfang 1968 kl├Ąrte das Deutsche Rote Kreuz ├╝ber die Bedeutung des Wortes auf: "Der Wysow ist bekanntlich seit l├Ąngerer Zeit f├╝r die Sowjetmilizen der Nachweis von Angeh├Ârigen im Bundesgebiet und wird deshalb f├╝r jede Antragstellung verlangt. Dieser Vorgang steht mit der Visa-Erteilung durch die Botschaft in keinerlei Zusammenhang. Bei Erw├Ąhnung in Ihrem Heimatblatt k├Ânnte u. E. f├╝r den ''Wysow' die noch deutlichere Bezeichnung 'Anforderung' verwendet werden."
Offenbar war damals die Tendenz, einfache deutsche Ausdr├╝cke durch komplizierte ausl├Ąndische zu ersetzen, noch nicht so verbreitet wie heute. "Wysow" setzte sich aber auf jeden Fall durch, ganz gleich, ob es sich um einen "Besucher-Wysow" oder um einen "Wysow zur st├Ąndigen Wohnsitznahme" handelte.
Auf dem 9. Bundestreffen der Landsmannschaft vom 15./16. Juni 1968 lasteten einige Landsleute der Bundesregierung an, dass sie nicht einen Bundesminister, sondern nur einen Ministerialrat nach Wiesbaden geschickt hatte. Man wolle den Osten nicht reizen, munkelte man auf den R├Ąngen der Rhein-Main-Halle in der hessischen Landeshauptstadt. Der neu gew├Ąhlte Pr├Ąsident des Bundes der Vertriebenen, Otto Rehs, kniff jedoch nicht. Bald nach der Anrede "Liebe Schicksalsgenossen, liebe Russlanddeutsche" nannte der Mann mit dem SPD-Parteibuch die Dinge genauso offen beim Namen, wie dies seine Vorg├Ąnger und Nachfolger im Amt taten, die ja meistens den C-Parteien angeh├Ârten:
"Sie wissen, nach dem 20. Parteikongress, der die Entstalinisierung der Sowjetunion einleitete, durften die Verschleppten in ihre alte Heimat zur├╝ckkehren. Nur den Deutschen und den Krimtataren ist das bis heute verwehrt. Von den 350.000 Russlanddeutschen, die aus dem S├╝den Russlands in den damaligen Warthegau umgesiedelt wurden, leben heute 75.000 in der Bundesrepublik. Der gr├Â├čte Teil, n├Ąmlich 250.000, ist in die Sowjetunion zur├╝ckverschleppt worden. Wir sehen darin eine schicksalsschwere Leidensgeschichte der russlanddeutschen Volksgruppe. Die Tragik dauert noch an: fern der Heimat auseinander gerissene Familien, die nur eins wollen: ein ertr├Ągliches Dasein."

Die KSZE-Schlussakte Konferenz f├╝r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa

Am 1. August 1975 wurde in der Hauptstadt Finnlands, Helsinki, die sogenannte KSZE-Schlussakte von 33 europ├Ąischen L├Ąndern sowie von den USA und Kanada unterschrieben. (Heute hei├čt die KSZE "Organisation f├╝r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" - OSZE). Da die Sowjetunion ebenfalls zu den Unterzeichner-Staaten geh├Ârte, waren f├╝r die Deutschen aus Russland und ihre Landsmannschaft die durch die Akte verankerten Menschenrechte, Grundfreiheiten, famili├Ąren Bindungen und Reisem├Âglichkeiten von besonderem Interesse. Hie├č es doch in dem Dokument, dass sich die Teilnehmerstaaten zum Ziel setzen, freiere Bewegung und Kontakte auf individueller und kollektiver Grundlage zu erleichtern, Reiseanliegen wohlwollend zu pr├╝fen und Gesuche auf Familienzusammenf├╝hrung in positivem und humanit├Ąrem Geiste so z├╝gig wie m├Âglich zu behandeln.
Die Unterzeichnung der KSZE Schlussakte fiel beinahe mit dem 25. Jahrestag der Unterzeichnung der Charta der Vertriebenen vom 5. August 1950 zusammen. Ein doppeltes Erfolgsjahr f├╝r die Vertriebenen und ihre Landsmannschaften, sollte man meinen...
Der Alltag in der Sowjetunion sah jedoch anders aus. Es ├╝berwogen die schlechten Nachrichten. Ausreisewillige wurden schikaniert und wegen irgendeiner Sache vor Gericht gestellt. Der Prozess gegen Erich Abel, der zu drei Jahren Gef├Ąngnis wegen seiner Ausreisebem├╝hungen verurteilt wurde, war nur die Spitze des Eisbergs.
In Deutschland beschlossen die Vertreter der Landsmannschaft auf ihrer Delegiertenversammlung, sich verst├Ąrkt daf├╝r einzusetzen, dass auch Russlanddeutsche, die keine Familienangeh├Ârigen im Westen hatten, ausreisen d├╝rfen. Ein gewisser Erfolg zeichnete sich im folgenden Jahrf├╝nft ab, wie unsere Statistik am Ende dieses Beitrages zeigt.
Ansonsten hielt das "St├╝hler├╝cken" an der Spitze der Landsmannschaft an. Die Position des "Kulturchefs" der Landsmannschaft ging von Dr. Stumpp auf Joseph Schnurr ├╝ber, w├Ąhrend mit Dr. Matthias Hagin ein Wolgadeutscher mehr in die Forschungsarbeit der durch die Herkunft der Mehrheit seiner Gr├╝nderv├Ąter doch stark "schwarzmeerdeutsch" orientierten Landsmannschaft eingebunden wurde.
1976 feierte der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes das 30. Jahr seines Bestehens. Ein wichtiges "Nebenprodukt" der Suchdienstt├Ątigkeit war die Erfassung von in der Sowjetunion lebenden ausreisewilligen Deutschen. In ausgezeichneter Zusammenarbeit halfen der Suchdienst in Hamburg und M├╝nchen und die Landsmannschaft Hilfesuchenden bei der Ausstellung von Wysows, mit Beratungen und bei praktischen Hilfen in Einzelf├Ąllen. Auf landsmannschaftlichen Treffen wurden entsprechende St├Ąnde eingerichtet, und in Volk auf dem Weg f├╝llten Suchdienstanzeigen nicht selten bis zur H├Ąlfte der Zeitschrift.

Patenschaft durch das Land Baden-W├╝rttemberg

Ein f├╝r die Zukunft wichtiger Schritt f├╝r die Deutschen aus Russland erfolgte 1979 mit der ├ťbernahme der Patenschaft ├╝ber ihre Landsmannschaft durch das Land Baden-W├╝rttemberg. Die Patenschafts-Urkunde wurde am 30. Januar 1979 ausgestellt. Das geschah in der Zeit einer Identit├Ątskrise der Russlanddeutschen. Pastorin Irmgard Stoldt fasste diese Krise in Verse, die schnell die Runde nahmen:

Wer bin ich?

Auslandsdeutscher, Volksdeutscher,
Russlanddeutscher, Sowjetdeutscher,
Deutschst├Ąmmiger Sowjetb├╝rger?
Deutschrusse auch? - Ach, was denn noch?
Doch, doch, ja noch:

Ausgewiesen, eingewiesen,
integriert und angepasst.
Hier Aussiedler, da Umsiedler -
Emigrant und Immigrant,
Auswanderer und Einwanderer,
russischer B├╝rger deutscher Zunge,
Vertriebener und Fl├╝chtling.
Verschleppter H├Ąftling noch dazu,
aus dem Gewahrsam fremden Staates
schlie├člich freigegeben.

Was will man denn von mir?
Was macht man hier mit mir?
Was m├╝ssen diese Etiketten denn
festhalten und bestimmen?
Merkmale sind es, die mein Schicksal zeichnen
und festnageln f├╝r immer!
Entscheidungen der hohen Politik sind das,
Ma├čnahmen von Beh├Ârden,
die diese Distanz bewirken.

Warum nimmt man mich nicht auf?
Heimkehrer bin ich doch -
ein Deutscher, weiter nichts!
Ein Deutscher, der den ganzen Hass,
die Rache gegen Deutschland
stellvertretend f├╝hlen, tragen
und erdulden musste.
Als Sklave hungernd.
Kaum dem Tode entronnen sind meine Eltern.
Beschimpft, zur├╝ckgesetzt in Schule
und Beruf, riss ich mich los.
Die ganze Jugend, die ihre Ängste überwand,
sie dr├Ąngt zur├╝ck zur alten Heimat,
Kost' es, was es wolle!
Nur wenigen gelingt's, ans Ziel zu kommen.

Nun - ich bin da!
Und danke, danke, danke!
Wer bin ich jetzt?
Kein fremder Gast, der irgendwann zur├╝ck will,
sondern euer Landsmann, der endlich
nun daheim ist
und in Kirchenb├╝chern die Namen
seiner Ahnen sucht,
die einst des Vaterlandes Not
gezwungen auszuwandern.

In der Zeit dieser Identit├Ątskrise der Russlanddeutschen und rapide sinkender Aussiedlerzahlen erwies sich die Patenschaft als ein wichtiger Hort f├╝r Entscheidungen, die f├╝r die Zukunft so wichtig waren. Eine davon war der Erwerb eines eigenen Hauses durch die Landsmannschaft, der nach einer gro├čartigen Spendenaktion ihrer Mitglieder und einem Zuschuss des Patenlandes am 12. M├Ąrz 1982 m├Âglich geworden war. In dieser Zeit war die Hauptaufgabe der Landsmannschaft darauf gerichtet, den Boden f├╝r die Eingliederung neuer Landsleute zu schaffen. Obwohl die Aussiedlerzahlen sich immer mehr dem Nullpunkt n├Ąherten - die absolute Talsohle wurde 1985 mit ganzen 460 Aussiedlern im Jahr erreicht -, gaben die Optimisten die Hoffnung nicht auf und klopften an viele T├╝ren nicht ohne Erfolg an.

Die Ära Usselmann (1978-91)

Bundesvorsitzender der Landsmannschaft war zu dieser Zeit mit Franz Usselmann ein ausgesprochener Sozialexperte. Mit ihm war die ├ära der Gr├╝nderv├Ąter endg├╝ltig zu Ende gegangen. Die Delegierten hatten sich 1978 f├╝r ihn entschieden, nachdem j├╝ngere Vertreter der F├╝hrungsriege der Landsmannschaft wie Albin Fiebig und Eduard von Sarnowski aus beruflichen Gr├╝nden die gro├če Verantwortung abgelehnt hatten und die Alten dazu nicht mehr in der Lage waren. Zusammen mit seinem "Statthalter", Bundesgesch├Ąftsf├╝hrer Alexander Rack, l├Âste Usselmann seine Aufgabe so, wie es die meisten Ortsgruppen und die Obrigkeit von einer Vertretung der Deutschen aus Russland erwarteten. Zu der haupts├Ąchlich sp├Ąter ge├Ąu├čerten Kritik an der "├ära Usselmann" kann gesagt werden, dass die Aufgaben der Landsmannschaft innerhalb kurzer Zeit so anstiegen, dass sie von niemandem bis ins Letzte zu l├Âsen waren. Das gilt ├╝brigens auch f├╝r Usselmanns Nachfolger, Alois Reiss, der seit 1991 die Geschicke der Landsmannschaft leitet und ebenfalls besondere St├Ąrken in sozialen Fragen und dar├╝ber hinaus hat.
In die erste Jahre der Amtszeit Usselmanns f├Ąllt die Gr├╝ndung einer Schwester- und einer Tochterorganisation der Landsmannschaft. Die "Tochter" war der "Kulturrat der Deutschen aus Russland", die "Schwester" die "Internationale Assoziation der Deutschen aus Russland".
Der Kulturrat (KDR) wurde am 11. Oktober 1981, die Assoziation am 5. September 1982 gegr├╝ndet. Beide Organisation litten schon bald nach ihrer Geburt unter zu wenigen Mitgliedern und Geldsorgen. Die Assoziation war zudem zu sehr auf einen Mann, Dr. Matthias Hagin, zugeschnitten und schlief nach dessen Tod 1990 praktisch ein. Mit Vertretern aus nur sechs L├Ąndern (Deutschland, USA, Argentinien, Brasilien, Paraguay, Kanada) war kein Staat zu machen, zumal das neben Deutschland wichtigste Land der Russlanddeutschen - die Sowjetunion - in dem Gremium nicht vertreten war.
Mit dem Kulturrat verhielt es sich bez├╝glich Mitgliedern und Finanzen ├Ąhnlich wie mit der Assoziation. Dass er bis heute noch besteht, ist der engen Bindung an die Landsmannschaft zu verdanken, die zwar eine gewisse Abh├Ąngigkeit mit sich bringt, von der aber doch immer wieder Unterst├╝tzung zu erwarten ist.

1983 - Viertel vor zw├Âlf

1983 zeichnete sich deutlich ein Tiefstand der Aussiedlerzahlen ab. F├╝r das gesamte Jahr beliefen sie sich auf 1.447, in den Jahren danach auf 913, 460 und 751. Am 4. Mai 1983 griff Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Regierungserkl├Ąrung das Thema h├Âchstpers├Ânlich auf, indem er um Viertel vor zw├Âlf sagte:
"Wir werden darauf dr├Ąngen, dass wieder mehr Deutsche aus der Sowjetunion ausreisen k├Ânnen."
Wahrscheinlich hat der Bundeskanzler damals an Zahlen wie 1976/77 gedacht, an die 1983 niemand zu glauben wagte, auch nicht innerhalb der Landsmannschaft. Selbst als der sowjetische Delegationsleiter auf der 3. KSZE-Folgetreffens im Januar 1987 in Wien versicherte, demn├Ąchst w├╝rden Zehntausende deutscher Sowjetb├╝rger die Ausreiseerlaubnis erhalten, hielten das die meisten f├╝r einen Propagandatrick Moskaus. Volk auf dem Weg und die beiden Vertreter der Landsmannschaft auf der Wiener Konferenz, Anton Bosch und Helmut Kremser, waren jedoch optimistischer und rieten, Gorbatschow beim Wort zu nehmen.
"Innenpolitisch" k├Ąmpfte die Landsmannschaft in den 70er und 80er Jahren vor allem darum, das bisher Erreichte auch f├╝r die Landsleute abzusichern, die noch immer vergebens auf ihre Ausreise warteten.
Die Vorbehalte dagegen waren erheblich. Im Nachhinein wissen wir, dass es quer durch alle Parteien Kr├Ąfte gab, die sich gegen diese Vorstellung der Landsmannschaft wehrten. Der Bundesvorstand der Landsmannschaft musste sich energisch gegen falsche Behauptungen bez├╝glich eines "fehlenden Vertreibungsdruckes", gegen unqualifizierte Behauptungen einzelner Politiker und gegen die Unkenntnis der deutschen Bev├Âlkerung ├╝ber das Schicksal der Russlanddeutschen einsetzen.

Die Aussiedlerzahlen steigen

Gorbatschows Vertreter auf der Wiener KSZE-Konferenz hatten nicht geblufft. In der Mitte des Jahres 1987 rollte die Lawine an. Am Jahresende wurden es 14.488 Aussiedler, fast zwanzig Mal mehr als im Jahr zuvor. Als die Zahl im Jahr 1992 auf 195.576 Aussiedler gestiegen war, brach ├╝ber die Volksgruppe das Kriegsfolgenbereinigungsgesetz herein. Erst im Laufe der n├Ąchsten Jahre versp├╝rten Aussiedler, die vorsorglich zu "Sp├Ątaussiedlern" erkl├Ąrt wurden, dass mit dem Gesetz massive Einschr├Ąnkungen f├╝r die "Neuen" verbunden waren. Der von 1991 bis 2000 amtierende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Alois Reiss, musste wiederholt konstatieren, dass das kein gutes Gesetz f├╝r die Russlanddeutschen war. Aber: Es war das beste, das unter den gegebenen politischen Umst├Ąnden durchzusetzen war.
Dass sich die Spitzen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland stark an die regierenden Parteien klammerten - wen wundert's. Sie hatten mit dem einen System gebrochen und sich dem anderen auf Gedeih und Verderb anvertraut. So blieb wenigstens der f├╝r Russlanddeutsche ├╝berlebensnotwendige Paragraph 116 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland erhalten, und es wurden Klarheiten geschaffen. Die Klarheiten waren hart, aber man wusste endlich, woran man war.
Russlanddeutsche, die nicht glaubten wollten, dass es im reichen Deutschland Arbeitslose, sozial Schwache und wenig Geld f├╝r die kulturelle Breitenarbeit gab, packten im Vertrauen auf fr├╝her gegebene Versprechen trotzdem ihre Koffer. Sie ├╝berh├Ârten zu gerne die verklausulierten Warnungen der Diplomatie und offene Worte ihrer Freunde, die meinten, es w├Ąre eigentlich das Beste, dort zu bleiben, wo man aufgewachsen ist. Dorthin flossen ja betr├Ąchtliche Summen aus Deutschland, und es wurden deutsche Rayons gegr├╝ndet. Und am 21. Februar 1992 erlie├č der Pr├Ąsident Russlands, Jelzin, sogar ein Dekret ├╝ber die stufenweise Wiederherstellung der 1941 aufgel├Âsten Wolgarepublik. Jelzin ├Ąnderte jedoch seine Meinung sehr schnell, nachdem eine Umfrage im Gebiet Saratow eine gro├če Mehrheit von Gegnern einer wolgadeutschen Autonomie ergeben hatte.
Die fruchtlose Autonomie-Debatte war inzwischen schon l├Ąngst auf die Bundesrepublik ├╝bergeschwappt. Nach einer durch die Wortf├╝hrer der im M├Ąrz 1989 gegr├╝ndeten sowjetdeutschen Gesellschaft "Wiedergeburt" anf├Ąnglich verbreiteten Euphorie, pfiffen es in Stuttgart und Bonn bald die Spatzen von den D├Ąchern, dass es mit der Autonomie nichts w├╝rde.
F├╝r die Deutschen in der Sowjetunion blieben nur zwei Alternativen: ausreisen und Deutsche nach ┬ž 116 des Grundgesetz werden oder bleiben und auf Wunder hoffen. Die Landsleute in der DDR hatten es ja auch abwarten k├Ânnen.
In dieser Phase stand die Landsmannschaft ebenso wie die deutsche Politik vor der Entscheidung, mehr Aussiedler ins Land zu holen oder die Leistungen zu verbessern. Hinter vorgehaltener Hand wurde gewarnt: Je mehr kommen, desto weniger gibt's. Die geheimnisvolle Formel lautete: A mal E = K. Dabei stand A f├╝r Aussiedler, E f├╝r die Einzelleistung an jeden Aussiedler und K f├╝r die Gesamtleistung an alle Aussiedler. ├ťbrigens: K wurde seit 1996 immer kleiner.
Nun, man entschied sich vor zehn Jahren f├╝r mehr Aussiedler. Das mag man heute kritisieren. Aber was h├Ątten die 1,6 Millionen Russlanddeutscher, die zwischen 1990 und 1999 ausreisen durften, wohl gesagt, wenn die Landsmannschaft anders entschieden h├Ątte?

Mehr Aussiedler - mehr Probleme

Auszubaden hatte die ganze Problematik die seit 1991 kaum ver├Ąnderte Vorstandschaft der Landsmannschaft mit Alois Reiss an der Spitze. Vielerorts entstanden neue Organisationen der Russlanddeutschen mit griffigen Namen wie "Heimat", "Initiative", "Semljaki" ("Landsleute") und andere. Ihr Zorn richtete sich gegen die hohe Politik. Da sie da aber beispielsweise wegen schlechter deutscher Sprachkenntnisse nichts ausrichten konnten, lie├čen manche ehemaligen Sowjetdeutschen ihren ├ärger an der Landsmannschaft aus. Die sollte ihnen in der Bundesrepublik Deutschland, bittesch├Ân, das erm├Âglichen, was sie in der Sowjetunion bzw. in der GUS nicht erreicht hatten.
Die Landsmannschaft hat nat├╝rlich nicht die Zeit und Mittel, diese Auseinandersetzung offensiv zu f├╝hren. Ihre fast ausschlie├člich ehrenamtlichen Mitarbeiter sind voll an die "klassischen" Aufgaben der Organisation gebunden, zu denen gegenw├Ąrtig das Sprachproblem der neuen Generation russlanddeutscher Sp├Ątaussiedler hinzukommt.
Die klassischen Aufgaben l├Âsen die bew├Ąhrten Sozialberater, Jugendleiter und Kulturreferenten der Landsmannschaft bravour├Âs. Ungel├Âst bleibt die Schwierigkeit mit der Sprache, durch die die Volksgruppe praktisch geteilt ist. Die einen haben nichts mehr mit der russischen Sprache am Hut, die anderen kommen mit Deutsch nicht mehr oder noch nicht zurecht.
Die Argumente beider Gruppen sind eindeutig: Die Deutschsprachigen weisen auf die fehlende Akzeptanz von Bundesb├╝rgern f├╝r Menschen hin, die behaupten, Deutsche zu sein, aber ihre Muttersprache nicht sprechen, und die "Russophilen" sagen resignierend: "Die sehen uns doch nicht als Deutsche an, ganz gleich wie wir sprechen..."
Zwischen diesen beiden Extremen befindet sich die gro├če Masse der Russlanddeutschen, die in beiden Kulturen zu Hause ist und Toleranz f├╝r die anderen aufbringt. Aus ihnen setzt sich das Potential einer erheblich gr├Â├čeren Organisation in der Zukunft zusammen. Das Potential ist betr├Ąchtlich, wenn die Deutschen aus Russland zusammenhalten.

Befreundete und angegliederte Verb├Ąnde der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland

Der Kulturrat der Deutschen aus Russland (KDR) ist die Nachfolgeorganisation des "Freundeskreises zur Erforschung des europ├Ąischen und au├čereurop├Ąischen Russlanddeutschtums e.V.", der vom 11. Juni 1976 bis zum 11. Oktober 1981 bestand. Der Vorsitzende des KDR ist automatisch Mitglied des Bundesvorstandes der Landsmannschaft, der seinerseits ein Mitglied im Vorstand des KDR hat.
Der Arbeitskreis der Wolgadeutschen besteht mit Unterbrechungen bereits seit 1918. Er tritt seit 1966 und verst├Ąrkt seit 1981 an die ├ľffentlichkeit. 1985 ├╝bernahm das Land Hessen die Patenschaft ├╝ber die Wolgadeutschen.
DJR - Deutsche Jugend aus Russland. Das ist die Nachfolgeorganisation fr├╝herer Jugendorganisationen der Landsmannschaft, die sich auf ihrem Bundesjugendtag im Oktober 1999 eine gr├Â├čere Eigenst├Ąndigkeit verschafft hat. Die Mitgliedschaft im Bundesvorstand der Landsmannschaft ist wie im KDR gel├Âst.
Der Russlanddeutsche Autorenkreis setzt auf die Zweisprachigkeit der Russlanddeutschen und tritt stark daf├╝r ein, dass junge Autoren, die die deutsche Sprache noch nicht beherrschen, eine Chance ├╝ber die russische Sprache erhalten.
Der Historische Forschungsverein der Deutschen aus Russland wurde erst am 20. Januar 1999 mit Sitz in N├╝rnberg gegr├╝ndet.
Traditionell gute Beziehungen hat die Landsmannschaft zum Deutschen Roten Kreuz, zum Bund der Vertriebenen, zur Caritas, Inneren Mission und Arbeiterwohlfahrt, zur DJO (Deutsche Jugend in Europa) sowie zu Organisationen der Deutschen aus Russland in den USA. Der Kontakt zu russlanddeutschen Verb├Ąnden in der GUS hat informativen Charakter.